Pressemitteilung,
Jan Ninnemann ist Professor für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Studiengangsleiter für Logistics Management an der Hamburg School of Business Administration (HSBA). Ninnemann ist außerdem Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens MOVE4WARD. Im Gespräch mit dem ZDS erläutert er die Bedeutung der deutschen Seehäfen für die Volkswirtschaft.

Welche Rolle spielen Häfen volkswirtschaftlich für Deutschland?
Jan Ninnemann: Deutsche Häfen sind kein Randthema der Verkehrspolitik, sondern ein Fundament des deutschen Wohlstandsmodells. Deutschland ist Exportnation und Exportnationen brauchen leistungsfähige maritime Schnittstellen. Ein erheblicher Teil des deutschen Außenhandels läuft über Seehäfen. Damit entscheiden Häfen direkt über Kosten, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit globaler Lieferketten.
Die wirtschaftliche Hebelwirkung ist enorm: Deutsche See- und Binnenhäfen sichern über 520.000 Arbeitsplätze und stehen für rund 62 Milliarden Euro Umsatz. Sie verbinden Industrie, Energieversorgung und internationale Märkte. Wenn Häfen ineffizient werden, verliert nicht nur die Logistikbranche – dann verliert der gesamte Industriestandort Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit.
Gerade in Krisenzeiten zeigt sich ihre systemische Bedeutung: Pandemie, Energiekrise und geopolitische Spannungen haben deutlich gemacht, dass Häfen keine „regionalen Infrastrukturprojekte“ sind, sondern nationale Resilienz-Infrastruktur.
Sind Häfen Infrastruktur, Wirtschaftsakteure oder geopolitische Instrumente?
Häfen sind erstens kritische Infrastruktur, weil sie Versorgung, Energieimporte und industrielle Wertschöpfung absichern. Zweitens sind sie hochkomplexe Wirtschaftsakteure, die Logistik, Industrieansiedlung, Datenflüsse und Innovation organisieren. Drittens sind sie geopolitische Machtinstrumente.
Wer Häfen kontrolliert, kontrolliert Handelsströme, strategische Abhängigkeiten und im Zweifel politische Einflussmöglichkeiten. Genau deshalb stehen chinesische Beteiligungen, Lieferkettenkontrolle und maritime Sicherheit inzwischen so stark im Fokus.
Was wird in der öffentlichen Debatte am meisten unterschätzt?
Am meisten unterschätzt wird die strategische Bedeutung von Häfen für die Funktionsfähigkeit moderner Volkswirtschaften.
In der öffentlichen Wahrnehmung geht es oft um Containerbrücken, Kreuzfahrtschiffe oder lokale Flächenkonflikte. Tatsächlich sind Häfen jedoch Energie-Hubs, Industrieplattformen, Sicherheitsinfrastruktur und Zentren für Resilienz.
Ohne funktionierende Häfen gibt es keine stabile Energieversorgung, keine wettbewerbsfähige Industrie und keine belastbaren Lieferketten. Besonders unterschätzt wird dabei das Hinterland: Ein Hafen ist nur so leistungsfähig wie seine Bahnverbindungen, Wasserstraßen und digitalen Systeme.
Der Engpass liegt heute oft nicht am Kai, sondern im Gesamtsystem dahinter.
Welche Trends werden Häfen am stärksten verändern?
Der größte Treiber ist die Dekarbonisierung. Häfen entwickeln sich von klassischen Umschlagstandorten zu Energieplattformen für Wasserstoff, Ammoniak, Methanol, Offshore-Wind und CO2-Logistik. Wer die Energiewende industrialisieren will, braucht leistungsfähige Häfen.
Parallel verändert Automatisierung die Branche grundlegend. Die Zukunft gehört datengetriebenen Häfen mit automatisierten Terminals, KI-gestützter Steuerung und hochdigitalisierten Lieferketten. Geschwindigkeit, Transparenz und Datensouveränität werden entscheidende Wettbewerbsfaktoren.
Gleichzeitig gewinnen Sicherheit und Verteidigung massiv an Bedeutung. Häfen werden zunehmend als kritische Infrastruktur gegen Cyberangriffe, Sabotage und geopolitische Risiken abgesichert werden müssen. Maritime Infrastruktur wird damit stärker Teil nationaler Sicherheitsstrategien.
Die Zukunft des Hafens ist deshalb nicht nur „grüner“, sondern auch digitaler, automatisierter und sicherheitspolitischer.
Welche politischen Rahmenbedingungen brauchen wettbewerbsfähige deutsche Häfen?
Deutschland leidet unter langwierigen Genehmigungen, föderaler Zersplitterung und jahrelangen Investitionsdefiziten. Während Rotterdam oder Antwerpen strategisch und zentral koordiniert investieren, verlieren deutsche Häfen häufig Zeit in Zuständigkeitsdebatten.
Wettbewerbsfähige Häfen brauchen deshalb vor allem:
- schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren,
- verlässliche Infrastrukturfinanzierung,
- leistungsfähige Hinterlandanbindungen,
- wettbewerbsfähige Energiepreise,
- sowie digitale Infrastruktur und Cybersicherheit.
Vor allem aber braucht Deutschland einen Perspektivwechsel: Häfen dürfen nicht länger als regionale Infrastruktur betrachtet werden. Sie sind strategische Schlüsselassets der deutschen Volkswirtschaft. Wer bei Häfen spart, spart am Fundament der Exportnation Deutschland.








