„Ohne leistungsfähige Häfen bleibt die Verteidigungsfähigkeit nur eine politische Zusage auf dem Papier.“

Franz-Stefan Gady ist Militäranalyst und Politikberater. Als Adjunct Senior Fellow am Center for a New American Security berät er unter anderem Regierungen und Streitkräfte in Europa und den USA zu Strukturreformen und zur Zukunft der Kriegsführung. Seine Feldforschung führte ihn nach Afghanistan, Irak und wiederholt in die Ukraine. Gady ist zudem Autor. Zu seinen jüngsten Büchern gehören „Die Rückkehr des Krieges“ und „Überfall – Wenn der Krieg zu uns kommt“.

Franz-Stefan Gady

ZDS: Welche Rolle spielen die deutschen Seehäfen für die Verteidigungsfähigkeit des Landes und der NATO?

Franz-Stefan Gady: Die Häfen spielen eine zentrale Rolle. Im Ernstfall müssen große Mengen an Fahrzeugen, Munition, Treibstoff, Ersatzteilen und weiterem Material nach Europa und innerhalb Europas bewegt werden. Personal und besonders dringliche Güter können per Flugzeug transportiert werden – die Masse kommt jedoch über den Seeweg.

Die militärische Verwendungsfähigkeit von Streitkräften beginnt deshalb nicht erst am Kasernentor. Ein Panzer, der nicht rechtzeitig verlegt, versorgt und instandgehalten werden kann, ist nur sehr eingeschränkt militärisch wirksam. Seehäfen sind die Eingangstore der Bündnisverteidigung. Ohne leistungsfähige Häfen bleibt die Verteidigungsfähigkeit nur eine politische Zusage auf dem Papier.

Deutschland soll als logistische Drehscheibe der NATO dienen. Ist das Land darauf ausreichend vorbereitet?

Die geografische Lage allein macht noch keine Drehscheibe. Entscheidend ist, ob die gesamte Transportkette funktioniert: vom Liegeplatz über Umschlagflächen und Gleisanschlüsse bis zu Straßen, Brücken und den Korridoren Richtung Osten.

Ein Schiff kann schnell entladen sein. Fehlen anschließend Zugtrassen, geeignete Brücken oder abgestimmte Verfahren, entsteht trotzdem ein militärischer Engpass. Verteidigungsfähigkeit ist eine Kette – und das schwächste Glied bestimmt die Geschwindigkeit. Deutschland muss deshalb nicht nur in militärisches Gerät investieren, sondern ebenso in die Infrastruktur, die dieses Gerät beweglich macht.

Häfen sind überwiegend zivile Infrastruktur. Müssen wir sie künftig stärker militärisch denken?

Wir sollten die Häfen nicht militarisieren, aber sie konsequent als Dual-Use-Infrastruktur planen. Viele Investitionen dienen beiden Seiten: belastbare Kaikanten, leistungsfähige Gleise, ausreichend große Flächen, sichere digitale Systeme und eine redundante Energieversorgung. Im Alltag stärken solche Investitionen den Handel und die Wettbewerbsfähigkeit. In einer Krise schaffen sie militärische Handlungsoptionen. Die strikte Trennung zwischen Wirtschafts-, Verkehrs- und Sicherheitspolitik ist unter den heutigen Bedingungen nicht mehr zeitgemäß.

Welche Bedrohungen sind für die Häfen besonders relevant?

Die größte Gefahr ist nicht zwingend die sichtbare Zerstörung eines Hafens, sondern seine zeitweise Lähmung. Ein Cyberangriff auf die Terminalsteuerung, Sabotage an Gleisen oder Stromversorgung, blockierte Zufahrten oder gezielte Desinformation können militärische Transporte erheblich verzögern – möglicherweise ohne einen einzigen sichtbaren Krater.

Schutz bedeutet deshalb mehr als Zäune und Kameras. Häfen brauchen Cyberresilienz, Redundanzen, geschultes Personal, alternative Verkehrswege und eingeübte Wiederanlaufpläne. Ein Hafen, der nur unter Normalbedingungen funktioniert, ist keine resiliente Infrastruktur.

Was sollte die Politik konkret tun, um die kritischen Infrastrukturen wie Häfen zu stärken?

Zunächst muss klar definiert werden, welche Häfen und Transportkorridore für die Bündnisverteidigung besonders relevant sind. Dort müssen Engpässe gezielt beseitigt, Schutzkonzepte entwickelt und Zuständigkeiten geklärt werden. Vor allem müssen die Abläufe regelmäßig unter realistischen Bedingungen geübt werden – gemeinsam mit Hafenbetrieben, Bundeswehr, Polizei, Bahn, Feuerwehr und weiteren zivilen Akteuren. Abschreckung entsteht nicht allein durch Waffensysteme. Sie entsteht, wenn ein potenzieller Gegner erkennt, dass die NATO ihre Kräfte tatsächlich verlegen, verstärken und dauerhaft versorgen kann. Glaubwürdige Abschreckung beginnt daher nicht erst an der Front – sie beginnt an der Kaikante.

Weitere Meldungen

Werden Sie jetzt Mitglied im ZDS.