Pressemitteilung,
Dr. Moritz Brake ist Gründer und Geschäftsführer von Nexmaris, einer Unternehmensberatung für maritime Sicherheit. Brake ist zudem Senior Fellow am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS), einem interdisziplinäres Forschungszentrum an der Uni Bonn für strategische Außen-, Europa- und Sicherheitspolitische Forschung. Darüber hinaus ist Brake Reserveoffizier der Deutschen Marine. Er promovierte am King’s College London mit einer Arbeit über die Rolle der Deutschen Marine als außenpolitisches Instrument und verfügt über umfassende Fachkenntnisse in den Bereichen Strategie, maritime Sicherheit, Dual-Use-Technologien und strategische Beratung.
Im Gespräch mit dem ZDS erläutert Moritz Brake die Bedeutung der deutschen Seehäfen für Versorgungssicherheit und Verteidigungsfähigkeit.

ZDS: Welche strategische Rolle spielen Seehäfen im Kontext geopolitischer Spannungen?
Dr. Moritz Brake: Seehäfen sind weit mehr als Umschlagplätze für Güter. Sie sind strategische Knotenpunkte unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Versorgungssicherheit. Im Ernstfall sind sie unverzichtbar für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas. Über sie laufen Energieversorgung, Rohstoffimporte, Industrieproduktion und militärische Logistik zusammen. Wer Häfen kontrolliert oder ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigt, kann erheblichen politischen und wirtschaftlichen Druck ausüben.
Russlands hybrides Vorgehen auf See, die Angriffe der Huthi im Roten Meer oder Chinas langfristiger Ausbau maritimer Macht zeigen: Die Kontrolle über Seewege und Häfen ist längst wieder Bestandteil geopolitischer Konkurrenz. Deshalb müssen wir Seehäfen nicht nur als Wirtschaftsfaktor, sondern als strategische Infrastruktur verstehen, deren Bedeutung in Frieden, Krise und Verteidigungsfall gleichermaßen wächst.
Wie relevant sind Häfen für Versorgungssicherheit und Krisenfestigkeit von Staaten?
Über 90 Prozent des weltweiten Warenverkehrs läuft über den Seeweg, deshalb entscheidet sich die Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Resilienz einer modernen Gesellschaft nicht zuletzt in ihren Häfen. Sie sind die Schnittstelle zwischen globalem Handel und nationaler Versorgung. Fällt ein Hafen aus oder wird seine Leistungsfähigkeit eingeschränkt, betrifft das nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Versorgung von Industrie, Energie, Gesundheitswesen und Bevölkerung.
Gerade in einer Krise müssen Häfen ihre Leistungsfähigkeit aufrechterhalten. Das gilt nicht nur für militärische Transporte, sondern ebenso für Rohstoffe, Energie, Lebensmittel und industrielle Vorprodukte. Wehrhaftigkeit beginnt deshalb nicht erst bei den Streitkräften, sondern bei einer funktionierenden maritimen Logistik. Wer Versorgungssicherheit ernst meint, muss Seehäfen als Teil der gesamtgesellschaftlichen Resilienz betrachten.
Inwieweit sind Häfen kritische Infrastruktur, die besonderen Schutz benötigt? Wie können Häfen widerstandsfähiger gegen Krisen und Schocks werden?
Häfen gehören zu den sensibelsten kritischen Infrastrukturen überhaupt. Hier treffen physische, digitale und organisatorische Risiken unmittelbar aufeinander. Cyberangriffe, Sabotage, organisierte Kriminalität oder hybride Operationen können erhebliche Auswirkungen auf Lieferketten und Versorgungssicherheit haben.
Resilienz entsteht deshalb nicht allein durch Zäune oder Kameras. Es geht um Widerstandsfähigkeit gegen Störungen, aber auch um die Fähigkeit trotz letztlich unvermeidbarer Störungen schnell wieder auf einem Mindestmaß funktionsfähig zu sein. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Betreibern, Behörden, Sicherheitskräften und Wirtschaft. Ebenso wichtig sind belastbare Lagebilder, moderne Überwachungstechnologien, Schutz- und Abwehrmaßnahmen, aber auch Redundanzen um Ausfälle weniger kritisch werden zu lassen, sowie Reparaturfähigkeit – auch unter Druck im Krisenfall. Dazu braucht es klare Verantwortlichkeiten und regelmäßige Übungen. Gleichzeitig müssen wir die Beschäftigten im Hafen als Teil der Sicherheitsarchitektur verstehen und sie gegen Korruption, Einschüchterung und Einflussnahme schützen. Resilienz ist letztlich eine Führungsaufgabe.
Werden Seehäfen künftig stärker unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten bewertet als unter rein wirtschaftlichen?
Ja – allerdings wäre es falsch, Sicherheit und Wirtschaft gegeneinander auszuspielen. Im Gegenteil: Sicherheit wird zunehmend zur Voraussetzung wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit.
Jahrzehntelang stand vor allem Effizienz im Vordergrund. Die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre haben jedoch gezeigt, dass maximale Effizienz ohne ausreichende Resilienz neue Verwundbarkeiten schafft. Häfen werden deshalb künftig stärker danach bewertet werden, ob sie auch unter Krisenbedingungen funktionsfähig bleiben und einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten können.
Sicherheit ist damit kein Kostenfaktor, sondern ein Standortvorteil. Häfen, die Sicherheit, Digitalisierung und Resilienz konsequent zusammendenken, werden langfristig wettbewerbsfähiger sein.
Was ist aus Ihrer Sicht nötig, um die deutschen Seehäfen langfristig zu stärken, sodass Sie die an sie gestiegenen Anforderungen erfüllen können?
Deutschland braucht eine gesamtstrategisch ausgerichtete maritime Politik. Seehäfen dürfen nicht länger ausschließlich aus verkehrs- oder wirtschaftspolitischer Perspektive betrachtet werden. Sie sind Teil nationaler Sicherheitsarchitektur.
Dazu gehören Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Sicherheit ebenso wie klare Zuständigkeiten, schnellere Genehmigungsverfahren und eine enge Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern, Wirtschaft und Streitkräften. Gleichzeitig müssen wir die Rolle der Häfen im Verteidigungsfall konsequent mitdenken und entsprechende Planungen gemeinsam mit den Betreibern entwickeln. Die maritime Wirtschaft insgesamt – Reedereien, Häfen, Werften und Logistikunternehmen – ist ein Schlüssel zur Resilienz und Durchhaltefähigkeit unserer Gesellschaft. Wer Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit und Europas strategische Handlungsfähigkeit stärken will, muss deshalb auch die deutschen Seehäfen stärken. Sie sind weit mehr als Verkehrsinfrastruktur – sie sind ein Fundament unserer Souveränität.








