Pressemitteilung,
Seehafenwirtschaft legt Grundsatzpapier zur Schienenpolitik vor – ZDS fordert mehr Kapazität, wettbewerbsfähige Trassenpreise und schnellere Modernisierung des Schienennetzes

HAMBURG/BERLIN – Deutschlands Seehäfen sind zentrale Knotenpunkte für Außenhandel und Industrie, Energieversorgung und zunehmend auch für die militärische Mobilität. Doch ihre Leistungsfähigkeit endet nicht an der Kaikante. Ohne zuverlässige und wettbewerbsfähige Verbindungen ins Hinterland können die Häfen ihre wachsenden Aufgaben nicht erfüllen. Anlässlich der internationalen Fachmesse „InnoTrans“ in Berlin legt der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) ein Grundsatzpapier zur Schienenpolitik vor und fordert einen konsequenten Ausbau und eine Modernisierung des deutschen Schienensystems.
Nahezu zwei Drittel des deutschen Warenhandels mit Staaten außerhalb der EU werden über den Seeweg abgewickelt. Gleichzeitig werden die Häfen zu zentralen Knotenpunkten für LNG, perspektivisch Wasserstoff und CO2 sowie für den Ausbau der Offshore-Windenergie. Im Zuge der Zeitenwende wächst zudem ihre Bedeutung für die militärische Mobilität Deutschlands und seiner NATO-Partner.
„Deutschlands Seehäfen sind Wirtschafts-, Energie- und Sicherheitsinfrastruktur zugleich. Aber ein Hafen ist nur so leistungsfähig wie seine Anbindung ins Hinterland. Wenn die Schiene nicht funktioniert, verlieren auch die Häfen an Schlagkraft – und damit der gesamte Wirtschaftsstandort. Eine leistungsfähige Schiene ist deshalb keine verkehrspolitische Detailfrage, sondern von strategischer Bedeutung für unser Land“, sagt Florian Keisinger, Hauptgeschäftsführer des ZDS.
Gerade für die deutschen Seehäfen ist die Bahn unverzichtbar. In Hamburg und den Bremischen Häfen wird bereits mehr als die Hälfte der Container im Hinterlandverkehr auf der Schiene transportiert. Hamburg ist zugleich der größte Eisenbahnhafen Europas. Bis 2040 könnten jährlich fast 60 Millionen Tonnen Güter auf der Schiene von und zu den deutschen Seehäfen transportiert werden.
Mit seinem Grundsatzpapier formuliert der ZDS eine Agenda für eine Schienenpolitik, die die Anforderungen der Seehäfen und des Güterverkehrs stärker berücksichtigt. Im Mittelpunkt stehen sechs Forderungen:
1. Korridorsanierungen am Güterverkehr ausrichten:
Die Sanierung des Netzes ist notwendig, darf aber nicht dazu führen, dass Hafenverkehre über Monate ausgebremst werden. Umleitungsstrecken müssen vor Beginn von Sperrungen ertüchtigt, Trassen für den Güterverkehr frühzeitig gesichert und parallele Baumaßnahmen vermieden werden. Sanierungen müssen zugleich genutzt werden, um zusätzliche Kapazitäten zu schaffen und Engpässe zu beseitigen.
2. Das Netz nicht nur sanieren, sondern aus- und neu bauen:
Deutschland braucht zusätzliche Schienenkapazitäten. Der Bund muss dauerhaft ausreichende Mittel für den Aus- und Neubau bereitstellen und Projekte mit besonderer Bedeutung für die Seehafenhinterlandverkehre priorisieren. Die aktuelle Entwicklung bei der Verbindung Hamburg–Hannover ist hierfür ein wichtiges Signal: Der Korridor ist eine zentrale Achse der norddeutschen Hafenhinterlandverkehre und die Bestandsstrecke gehört mit einer Auslastung von bis zu 147 Prozent zu den am stärksten beanspruchten Strecken Deutschlands.
3. Trassenpreise grundlegend reformieren:
Der Schienengüterverkehr muss wirtschaftlich mit anderen Verkehrsträgern konkurrieren können. Der ZDS fordert deshalb eine Umstellung auf ein Grenzkostensystem mit dauerhaft wettbewerbsfähigen und über mehrere Jahre planbaren Trassenpreisen. Bis eine solche Reform greift, müssen starke Preissprünge durch eine ausreichend ausgestattete Trassenpreisförderung verhindert werden.
4. Kombinierten Verkehr und Einzelwagenverkehr sichern:
Die Förderung von KV-Umschlaganlagen muss langfristig gesichert und die Betriebskostenförderung des Einzelwagenverkehrs auf hinreichendem Niveau fortgeführt werden. Gleichzeitig muss die Einführung der Digitalen Automatischen Kupplung europäisch koordiniert und verlässlich finanziert werden.
5. Elektrifizierung und Digitalisierung beschleunigen:
Elektrifizierungslücken auf den Hafenhinterlandverbindungen müssen schneller geschlossen und ERTMS und ETCS konsequent ausgerollt werden. Infrastruktur und Fahrzeuge müssen dabei als ein zusammenhängendes System betrachtet und die digitale Fahrzeugausrüstung dauerhaft gefördert werden.
6. Wettbewerb stärken und Netz und Betrieb stärker trennen:
Der ZDS fordert eine deutlich stärkere organisatorische, personelle und finanzielle Trennung der Schieneninfrastruktur von den Verkehrsunternehmen des DB-Konzerns. Entscheidungen über Investitionen, Kapazitäten und Netzzugang müssen transparent und unabhängig von den wirtschaftlichen Interessen einzelner DB-Verkehrsunternehmen erfolgen.
„Wir müssen aufhören, beim Schienennetz nur den Mangel zu verwalten. Sanieren ist notwendig, reicht aber nicht. Wir brauchen zusätzliche Kapazitäten, wettbewerbsfähige Preise und eine schnellere Modernisierung. Die Entwicklung bei Hamburg–Hannover weist deshalb in die richtige Richtung: Wo zentrale Achsen dauerhaft überlastet sind, müssen wir auch wieder neu bauen. Entscheidend ist, dass die Hafenhinterlandverbindungen insgesamt eine höhere Priorität bekommen“, so Keisinger.
Für die Seehafenwirtschaft geht es dabei um weit mehr als Verkehrspolitik. Störungen und fehlende Kapazitäten im Schienennetz wirken unmittelbar in industrielle Lieferketten hinein. Wenn Güterzüge Häfen nicht zuverlässig erreichen oder verlassen können, entstehen Rückstaus auf den Terminals, Transporte verteuern sich und Produktionsstandorte im Binnenland werden beeinträchtigt. Die Qualität des Schienennetzes ist damit ein Standortfaktor für die deutsche Industrie.
Zugleich gewinnt die Schiene sicherheitspolitisch an Bedeutung. Die Seehäfen sind zentrale Schnittstellen für die Verlegung von Personal, Fahrzeugen und Material innerhalb Deutschlands und in Richtung der NATO-Ostflanke. Militärische Mobilität setzt deshalb nicht nur leistungsfähige Häfen, sondern ebenso leistungsfähige Verbindungen von den Häfen ins europäische Hinterland voraus.
„Deutschland kann sich keine Schienenpolitik leisten, die den Güterverkehr nur mitlaufen lässt. Unsere Häfen verbinden die deutsche Industrie mit den Weltmärkten, sichern Energieversorgung und Lieferketten und sind für unsere Verteidigungsfähigkeit unverzichtbar. Dafür brauchen sie ein Schienensystem, das funktioniert – zuverlässig, wettbewerbsfähig und mit ausreichenden Kapazitäten. Wer Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz stärken will, muss Häfen und Schiene gemeinsam denken. Bahnpolitik ist Hafenpolitik“, sagt Keisinger.
Das ZDS-Grundsatzpapier „Leistungsfähige Schiene, wettbewerbsfähige Häfen – Forderungen der Seehafenwirtschaft zur Schienenpolitik“ wird anlässlich der InnoTrans in Berlin veröffentlicht. Es bündelt die Forderungen der deutschen Seehafenwirtschaft zu Infrastruktur und Kapazität, Finanzierung und Korridorsanierung, Trassenpreisen, Digitalisierung und Elektrifizierung sowie Wettbewerb.
Hier können Sie das vollständige Grundsatzpapier lesen und herunterladen:





